Umweltschutz

Umwelt- und Naturschutz in der Gemeinde Ratekau

Schon Anfang der achtziger Jahre begann ein verstärktes Engagement der Gemeinde Ratekau im Naturschutz. Angeregt und unterstützt durch die beiden Umweltvereine "Arbeitsgemeinschaft Umwelt Gemeinde Ratekau e.V.-AUGE-" und den "Umweltschutzverein Sereetz -USV Sereetz-", sowie die politischen Parteien, wurde die Gemeinde Ratekau durch Erlaß des Ministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten vom 20.12.1983 als "Modellgemeinde Landschaftspflege" anerkannt.

Naturschutz und Klimaschutz auf Rezept in der Gemeinde Ratekau

Schon lange vor der UN-Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 und den daraus hervorgegangenen internationalen Abkommen zu Klimaschutz und Artenschutz gab es im schleswig-holsteinischen Ratekau eine Initiative, die die Voraussetzungen dafür schaffte, dass Erhalt der biologischen Vielfalt und Klimaschutz in der Gemeinde miteinander verknüpft werden. Zu verdanken ist dies dem Umweltverein AUGE (Arbeitsgemeinschaft Umwelt Gemeinde Ratekau), der sich vor zehn Jahren auflöste, und dem Umweltschutzverein Sereetz e.V., der bis heute existiert und seit seiner Gründung vor 33 Jahren maßgeblich an der Schaffung der organisatorischen, strukturellen und personellen Grundlagen für diese Symbiose von Klima- und Artenschutz beteiligt war.

Die Gemeinde Ratekau

Die 15.000-Einwohner Gemeinde Ratekau liegt zwischen Lübeck und der Ostsee im Landkreis Ostholstein, umfasst dreizehn Dörfer und damit eine Fläche von 6.000 Hektar. Die ländliche Struktur zeigt sich noch an der Einwohnerzahl einiger Orte, in denen nur knapp mehr als 100 Menschen leben und in denen große Bauernhöfe die dominante Bebauung darstellen. Fast 20 Prozent der Gemeindefläche bestehen aus Wäldern.Der Zentralort Ratekau hat rund 4.000 Einwohner. Die Gemeindeflächen liegen bogenförmig um den mit 360 Hektar größten See Ostholsteins, den Hemmelsdorfer See. Der See, wie auch das Tal der Schwartau, sind Überbleibsel der letzten Eiszeit. Sie beleben mitsamt dem stark hügeligen Relief der Endmoräne mit Schmelzwasserrinnen das Landschaftsbild. Dieses wird geprägt durch unterschiedliche Böden von Sand bis Lehm und verschiedene Lebensräume von Moor bis Trockenrasen. Neben dem Fluss Schwartau gibt es viele kleine Bäche und über 500 Kleingewässer. Durch Kiesabbau entstanden große Grundwasserseen, die heute zu den artenreichsten Lebensräumen gehören.

Feldsteinkirche Ratekau

Biologische Vielfalt und Klimaschutz in Ratekau - wie alles begann

Durch gute Zusammenarbeit mit dem damaligen Bürgermeister Wilhelm Rehpenn, den politischen Parteien und den Landwirten führte der Umweltschutzverein Sereetz e.V., hervorgegangen aus einer Bürgerinitiative gegen ausufernden Kiesabbau, die Bewerbung Ratekaus zur „Modellgemeinde Landschaftspflege" 1984 im Rahmen einer landesweiten Ausschreibung zum Erfolg. Legendär sind aus dieser Zeit Rezeptzettel des 1. Vorsitzenden des Umweltschutzvereins, des Orthopäden Dr. Jörn Funck, an den Bürgermeister. Auf diese kleinen Zettel wurden gute Ideen schnell zwischen zwei Patienten oder vor dem Verlassen der Praxis zu Papier gebracht und umgehend an den Bürgermeister geschickt.

Rezept von Dr. Funck an den Bürgermeister mit anliegender Mittelalter-Karte als Vorlage zur Wiederherstellung des Ruppersdorfer Sees

So besteht die erste Seite der umfangreichen Projektakten im Rathaus der Gemeinde zur Wiederherstellung und erneuten Flutung des 30 Hektar großen und in den 1920er-Jahren trockengelegten Ruppersdorfer Sees aus einem solchen Rezept. Damit kam eine besondere Kommunikations- und Projektkultur in der Gemeinde Ratekau in Gang, die bis heute durch intensive, oft tägliche Kontakte zwischen dem Doktor und der Gemeindeverwaltung, insbesondere mit der auf seine Initiative eingerichteten Umweltabteilung, gekennzeichnet ist. Die kontinuierliche Präsenz von Umweltthemen in der Öffentlichkeit, eingebracht durch den Verein, und die Gabe seines 1. Vorsitzenden, sowohl politische Parteien, als auch Gemeindeverwaltung sowie Kreis und Land für seine Ideen und Projekte zu begeistern, entfaltete mit den Jahren eine Eigendynamik, die bis heute wirksam ist. In ländlich geprägten Kommunen wie Ratekau steht der Naturschutz auf verlorenem Posten, wenn es nicht gelingt, die Landnutzer - vor allem die Landwirte - ins Boot zu bekommen. Auch hier hatte der Doktor das richtige Rezept: Er gründete die erste Rindergilde (zunächst mit Schwarzbunten und dann mit einer Galloway-Herde) Deutschlands als wirtschaftlich eigenständiger Pflegebetrieb für Naturschutzflächen und holte den Autor - früher in der praktischen Landwirtschaft in Ratekau tätig und ebenfalls Gründer einer Rindergilde im Kreis Flensburg - in die Gemeindeverwaltung. So begann 1987 auf Beschluss des neuen Bürgermeisters Rüdiger Stooß und des Gemeinderats der Aufbau einer Umweltabteilung. Nun wurde als eins der ersten Klimaschutzprojekte ein Energiekonzept im Jahr 1992 erstellt und zu dessen Umsetzung zwei Jahre später ein Energieingenieur eingestellt. Heute ist der damalige Energieingenieur Bauamtsleiter. Die Umweltabteilung wurde 1989 durch Zivildienstleistende (heute Bundesfreiwilligendienst) verstärkt. Zudem wurden im Jahr 2000 eine Diplom-Biologin und 2012 ein Umweltingenieur für ein gemeindeübergreifendes Naturschutzprojekt eingestellt.

Winteransicht des Ruppersdorfer Sees, wiederhergestellt auf 60 Hektar Gesamtfläche

Nachhaltigkeit

Der Gedanke der Nachhaltigkeit ist in Ratekau über den des Naturschutzes hinaus seit Jahrzehnten verankert, und es existiert eine Tradition solider Haushaltspolitik als Grundlage für kommunalen Handlungsspielraum. Für nachhaltiges Handeln im Spannungsfeld zwischen biologischer Vielfalt und Klimaschutz, mussten richtungsweisende Beschlüsse zur Planung und Struktur, zu Satzungen und Projekten getroffen werden. Diese Orientierung auf den Natur- und Klimaschutz, vor allem auch gegenüber Einzelinteressen, hat sich als äußerst wichtig erwiesen. So wurden für die Erstellung des neuen Katasters ortsbildprägender Bäume und im folgenden Unterschutzstellungsverfahren der Gemeinde über 800 betroffene Eigentümer angeschrieben und deren Stellungnahme eingeholt. Schließlich werden im Baumkataster und der zugehörigen Satzung nur Bäume mit dem Einverständnis der Eigentümer gelistet. Auch Fördermittel für die Pflege von Privatbäumen sind im Haushalt der Gemeinde eingestellt. Eigentümer neuer Baugrundstücke in Gebieten mit Bebauungsplänen werden angeschrieben, wobei die gestalterischen und naturschutzrelevanten Festsetzungen des Bebauungsplanes (wie Anpflanzungen, Erhaltungsgebote, Einfriedungen, sickerfähige Ausführung von Befestigungen von Zufahrten und Stellplätzen) erläutert werden und für deren Beachtung geworben wird.

Energetisch sanierter Bahnhof Pansdorf

Die wichtigsten klimaschutz- und biodiversitätsrelevanten Beschlüsse der Gemeinde Ratekau:

Energetische Optimierung aller Neubaugebiete 

Das Klimaschutzkonzept der Gemeinde Ratekau aus dem Jahr 2010 setzt sich das Ziel der „100%-Erneuerbare-Energien-Kommune", die die gesamte benötigte Energie aus erneuerbaren Quellen bezieht. 

Kein Neubau von Freileitungen über dem Gemeindegebiet

 

 

 

 

 

 

Ratekau liegt an der Gabelung des baltischen und skandinavischen Vogelzuges und beherbergt auch seltene Brutplätze von Großvögeln wie Kranich (Grus grus), Weißstorch (Ciconia ciconia), Rotmilan (Milvus milvus), Uhu (Bubo bubo) und Seeadler (Haliaeetus albicilla). Wie kaum andere Bauvorhaben beeinträchtigen Freileitungen das Landschaftsbild und stellen für unzählige Vögel tödliche Hindernisse dar. Gegebenenfalls ist die Verlegung von Erdkabeln möglich. Es soll nur eine Biogasanlage in der ganzen Gemeinde existieren, die hauptsächlich Mais als Substrat einsetzt. Im Rahmen dieser Mitgliedschaft verpflichtet sich die Gemeinde zu bestimmten Zielen und der Einhaltung konkreter Vorgaben. So ist im Rahmen eines entsprechenden Monitorings eine Reduktion von zehn Prozent Kohlendioxidausstoß alle fünf Jahre nachzuweisen. Hinsichtlich der Artenvielfalt verpflichtet sich die Gemeinde unter anderem zur Erstellung, Beachtung und Umsetzung einer Strategie zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Die Gemeinde Ratekau hat in beiden Bündnissen auch durch Vorträge bei Fachtagungen und Mitarbeit in Arbeitsgruppen und anderen Bereichen mitgewirkt. Auch betreibt sie bei Nachbarkommunen aktiv Mitgliederwerbung durch Information der Verwaltung, Vorträge und Ähnliches. Mehr als ein Drittel der Gemeindefläche steht bereits heute unter Schutz. Weitere etwa zehn Prozent sind durch Selbstbindung im Landschafts- und Flächennutzungsplan als Vorrangfläche für den Naturschutz ausgewiesen. Mit den neuen Schutzgebieten wird somit knapp die Hälfte der Gemeindefläche Schutzkategorien unterliegen. Geplant ist eine Zusammenarbeit mit Biologen und unter Umständen eine universitäre Begleitung. Insgesamt gibt es acht größere Moorgebiete zwischen zwei und 100 Hektar Größe, von denen fünf bereits ganz oder teilweise renaturiert und geschützt sind.   

Keine weitere Biogasanlage auf Mais-Basis

Es soll nur eine Biogasanlage in der ganzen Gemeinde existieren, die hauptsächlich Mais als Substrat einsetzt.

Selbstbindung durch die Mitgliedschaft im Klima-Bündnis seit 1998

Im Rahmen dieser Mitgliedschaft verpflichtet sich die Gemeinde zu bestimmten Zielen und der Einhaltung einer konkreter Vorgaben. So ist im Rahmen eines entsprechenden Monitorings eine Reduktion von zehn Prozent Kohlendioxidausstoß alle fünf Jahre nachzuweisen.

Gründungsmitglied im 2012 gegründeten Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt"

Hinsichtlich der Artenvielfalt verpflichtet sich die Gemeinde unter anderem zur Erstellung, Beachtung und Umsetzung einer Strategie zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Die Gemeinde Ratekau hat in beiden Bündnissen auch durch Vorträge bei Fachtagungen und Mitarbeit in Arbeitsgruppen und anderen Bereichen mitgewirkt. Auch betreibt sie bei Nachbarkommunen aktiv Mitgliederwerbung durch Information der Verwaltung, Vorträge und Ähnliches.

Erstellung eines Konzeptes für eine kommunale Strategie zum Erhalt der biologischen Vielfalt im Jahr 2013

Mehr als ein Drittel der Gemeindefläche steht bereits heute unter Schutz. Weitere etwa zehn Prozent sind durch Selbstbindung im Landschafts- und Flächennutzungsplan als Vorrangfläche für den Naturschutz ausgewiesen. Mit den neuen Schutzgebieten wird somit knapp die Hälfte der Gemeindefläche Schutzkategorien unterliegen. Geplant ist eine Zusammenarbeit mit Biologen und unter Umständen eine universitäre Begleitung.

Renaturierung aller Moore in der Gemeinde 

Insgesamt gibt es acht größere Moorgebiete zwischen zwei und 100 Hektar Größe, von denen fünf bereits ganz oder teilweise renaturiert und geschützt sind.

Schaffung von vier neuen geschützten Landschaftsbestandteilen (LB) durch Gemeindesatzung

 

 

Die erste LB-Satzung für den Kuhlensee trat im Januar 2012 in Kraft, für drei weitere Gebiete läuft das Verfahren noch. Dabei geht es um den Bohmbrook mit 30 Hektar Wald, eine ehemalige Kiesgrube mit 34 Hektar und das Pansdorfer Moor mit 31 Hektar. Das etwa 350 Hektar große geplante NSG „Sielbektal und Kreuzkamper Seenlandschaft" liegt südlich des Hemmelsdorfer Sees und umfasst unterschiedlichste Lebensräume wie nährstoffarme Grundwasserseen, Steilufer, Trockenrasen, zahlreiche Kleingewässer, Feuchtwiesen, Moorflächen und etwa 100 Hektar Wald. Das Verfahren wurde vom Land auf Antrag des Umweltschutzvereins Sereetz eröffnet, aktuell jedoch wegen der sogenannten Hinterlandanbindung für die feste Fehmarnbelt-Querung unterbrochen. Das Milliardenprojekt mit gewaltigen Eingriffen in die Natur wird auch in Ratekau deutliche Spuren hinterlassen, weshalb dieses Vorhaben von der Gemeinde abgelehnt wird. Baubeginn ist für 2015 vorgesehen. Eine Entscheidung zur Bahntrasse soll 2013 fallen.

Ausweisung eines neuen Naturschutzgebietes (NSG)

 

Das etwa 350 Hektar große geplante NSG "Sielbektal und Kreuzkamper Seenlandschaft" liegt südlich des Hemmelsdorfer Sees und umfasst unterschiedlichste Lebensräume wie nährstoffarme Grundwasserseen, Steilufer, Trockenrasen, zahlreiche Kleingewässer, Feuchtwiesen, Moorflächen und etwa 100 Hektar Wald. Das Verfahren wurde vom Land auf Antrag des Umweltschutzvereins Sereetz eröffnet, aktuell jedoch wegen der sogenannten Hinterlandanbindung für die feste Fehmarnbelt-Querung unterbrochen.

Ablehnung der Fehmarnbelt-Querung mit der im Staatsvertrag mit Dänemark vorgesehenen Hinterlandanbindung durch das Gebiet der Gemeinde

Das Milliardenprojekt mit gewaltigen Eingriffen in die Natur wird auch in Ratekau deutliche Spuren hinterlassen, weshalb dieses Vorhaben von der Gemeinde abgelehnt wird. Baubeginn ist für 2015 vorgesehen. Eine Entscheidung zur Bahntrasse soll noch in 2013 erfolgen.



Strategie „100% erneuerbar und 100% Biodiversität"

Während Ratekau sich auf dem Weg zur „100%- Erneuerbare-Energien-Kommune" befindet, verläuft dieser Ausbau erneuerbarer Energien nicht ohne Schwierigkeiten im Hinblick auf den Erhalt der biologischen Vielfalt. Probleme bereiten hier die Biomassenutzung, Freiland-Photovoltaik und Windkraftanlagen, die Nutzung der Wasserkraft und in der Folge der Ausbau von Hochspannungsleitungen. Insbesondere die Gewinnung von Biogas aus Mais ist problematisch. Um diese und andere Konflikte bei Energieerzeugung, Umwandlung und Verteilung zu mindern und generell die Naturverträglichkeit von Maßnahmen zu sichern, wurden in der Gemeinde wichtige strukturelle Voraussetzungen geschaffen:

Während Ratekau sich auf dem Weg zur „100%- Erneuerbare-Energien-Kommune" befindet, verläuft dieser Ausbau erneuerbarer Energien nicht ohne Schwierigkeiten im Hinblick auf den Erhalt der biologischen Vielfalt. Probleme bereiten hier die Biomassenutzung, Freiland-Photovoltaik und Windkraftanlagen, die Nutzung der Wasserkraft und in der Folge der Ausbau von Hochspannungsleitungen. Insbesondere die Gewinnung von Biogas aus Mais ist problematisch. Um diese und andere Konflikte bei Energieerzeugung, Umwandlung und Verteilung zu mindern und generell die Naturverträglichkeit von Maßnahmen zu sichern, wurden in der Gemeinde wichtige strukturelle Voraussetzungen geschaffen:

  • Sämtliche Flächenverkäufe im Gemeindegebiet werden in der Umweltabteilung auf Verwertbarkeit, Vorkaufsrecht und Bedeutung für den Natur- und Klimaschutz geprüft. Das gilt auch für private Kaufverträge.

  • Alle eingehenden Bauanträge werden durch die Umweltabteilung ebenfalls hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den Naturschutz, insbesondere auf bedrohte Arten, Großgrün und Gewässerschutz, geprüft.

  • Die gesamte Bauleitplanung wird von der Umweltabteilung begleitet, d.h. Natur- und Klimaschutzziele werden berücksichtigt und entsprechende Festsetzungen im B-Plan aufgenommen, wie der Erhalt von Natur-und Landschaftselementen, Neuanpflanzungen, Einsatz von Regiosaat- und Pflanzgut, Lage und Gestaltung von Ausgleichsflächen u.v.m.

  • Alle kommunalen umweltrelevanten Baumaßnahmen werden durch die Umweltabteilung begleitet (Genaueres regelt eine Dienstanweisung von 1994 des Bürgermeisters).

  • Die lokalen Umweltvereine werden zu Sitzungen des Ausschusses für Umwelt, Natur, Energie und Bauen eingeladen.

Damit wurde eine Art „innere UVP" (Umweltverträglichkeitsprüfung) initiiert, und Belange des Klimaschutzes und der Biodiversität können frühzeitig berücksichtigt werden. Darüber hinaus ist so die Kenntnis von aktuellen Flächennutzungen und Nutzungsänderungen sowie allen relevanten Akteuren besonders ausgeprägt. Mit diesem Know-how lassen sich private Akteure gezielt ansprechen und für die Umsetzung von Naturschutzzielen gewinnen. So konnte beispielsweise durch Kontaktaufnahme zu einem Erwerber einer landwirtschaftlichen Fläche die Anlage einer Obstwiese mit 140 Obstbäumen unterstützt werden. Auch wurde der Verkauf von 21 Hektar Kiesseen mit Uferflächen an den Umweltschutzverein Sereetz und den NABU mit finanzieller Unterstützung durch die Umweltlotterie, den Kreis und die Gemeinde organisiert. Trotz dieser strukturellen Voraussetzungen gehen Klima- und Biodiversitätsschutz dennoch nicht immer Hand in Hand. Die häufigsten Konflikte entstehen aufgrund des Ausbaus erneuerbarer Energien. Damit bei der Umsetzung der gesetzten Klimaschutzziele die biologische Vielfalt nicht auf der Strecke bleibt, gibt es in Ratekau kommunal abgestimmte Zielsetzungen in Zusammenhang mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und der Effizienzsteigerung. Daher sollen unter anderem der weitere Ausbau von Nahwärme und Kraft-Wärme-Kopplung vorangetrieben sowie öffentliche Gebäude und Straßenbeleuchtung weiter energetisch optimiert werden. Dies betrifft bei der Straßenbeleuchtung insektenfreundliche Lichtquellen, restriktive Schaltzeiten, Abstrahlkegel, Lampenhöhe etc.

Biogas

Der Maisanbau mit der späten Saat, dem jahrelangen Nachbau, verbunden mit Herbizideinsatz und geringer Bodenbedeckung verursacht Bodenerosion in großem Umfang. Verschärft wird die Situation durch Überwinterung der Stoppeln ohne Winterbegrünung oder Untersaat. Zum Anbausystem gehören weiter Einträge von Pestiziden und Düngern in Böden, benachbarte Biotope, Gewässer und Grundwasser. Aus diesem Grund soll lediglich eine Biogasanlage mit Mais-Substrat in der Gemeinde existieren. Die bereits bestehende Biogasanlage mit drei an verschiedenen Standorten befindlichen sowie mit einer privaten Gasleitung verbundenen Blockheizkraftwerken erzeugt 6,5 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr. Das entspricht etwa 18 Prozent des derzeitigen Stromverbrauchs der Gemeinde, wobei die entstehende Wärme für Wohnen und Gewerbe genutzt wird. Durch Winterbegrünung und Fruchtwechsel sowie Blühstreifen versucht der Betrieb, die negativen Auswirkungen des Maisanbaus zu reduzieren. Außerdem bewirkt ein neuer Konverter eine Effizienzsteigerung, und die Maisanbaufläche kann reduziert werden.

Biogasanlage nach Winterbegrünung nach Mais und Pflanzenkläranlage

Windenergie

Das Klimaschutzkonzept Ratekaus macht deutlich, dass mit der Stromerzeugung aus Wind in Ratekau zwischen 130 und 265 Prozent des gesamten Strombedarfs gedeckt werden können. Dieses Potenzial soll weiter genutzt und naturverträglich ausgebaut werden. Besondere Beachtung müssen hierbei die bevorzugten Flugwege und -höhen der geschützten Großvogel- und Fledermausarten wie Seeadler (Haliaeetus albicilla), Uhu (Bubo bubo), Rotmilan (Milvus milvus), Weißstorch (Ciconia ciconia), Kranich (Grus grus) und Teichfledermaus (Myotis dasycneme, eines von fünf Vorkommen landesweit) finden. Von der Gemeinde wurden für die Fortschreibung des Regionalplanes weitere Vorrangflächen für Windkraft beantragt, vom Land allerdings abgewiesen. Durch Repowering-Maßnahmen auf dem vorhandenen Standort sind jedoch Ertragssteigerungen möglich: 14 Altanlagen mit insgesamt 9,5 Megawatt werden durch neun Windkraftanlagen mit etwa 25 Megawatt ersetzt. So werden durch die Reduktion der Anlagenzahl CO2-Einsparungen mit der Förderung der biologischen Vielfalt zusammengebracht. Die Gemeinde wird auch bei künftigen Bebauungsplänen für Windkraft verstärkt Maßnahmen wie Blühstreifen an Erschließungswegen, Lerchenfenster in Ackerflächen, Bachentrohrungen, Kleingewässeranlagen, Vernässung von Feuchtgebieten und vieles andere einfordern, was die Rauigkeit der Landschaft wenig erhöht, damit die Winderträge wenig beeinflusst und gleichzeitig der biologischen Vielfalt zugutekommt.

Legende Holz

Wie im gesamten waldarmen Bundesland Schleswig-Holstein können auch in Ratekau nur maximal fünf Prozent des Gesamtenergieverbrauchs aus der Holznutzung stammen. Dieses Holz ist Restholz der Waldbewirtschaftung und Knickholz. Eine Holzhackschnitzel-Nutzung soll auch weiterhin nur auf vorhandenen Umtriebsflächen stattfinden. Der Wald und insbesondere die wenigen Primärwälder der Gemeinde Ratekau haben für die biologische Vielfalt eine so große Bedeutung, dass in Ratekau deshalb die Wälder wenig genutzt und der Holzvorrat über die nächsten Jahrzehnte erhöht werden sollen, um die Artenvielfalt zu fördern und eine CO2-Senken-Wirkung zu erzielen. Darum sollen neben den vorhandenen 150 Hektar Naturwaldflächen weitere Waldschutzgebiete in Ratekau ausgewiesen werden. Leider bestehen diesbezüglich Differenzen zwischen der Gemeinde und dem neuen Landesbetrieb Schleswig-Holsteinische Landesforsten, die bislang nicht ausgeräumt werden konnten. Insbesondere die Ausweitung der Selbstwerbereinschläge im Landeswald führte in den kommunalen Wäldern zu Konflikten mit Naturschutzzielen bis hin zur Vertreibung des Seeadlers (Haliaeetus albicilla), der in ein angrenzendes Waldstück, das Naturschutzgebiet Aalbekniederung am Hemmelsdorfer See, umsiedelte. Die Fällung von Alt- und Totholz durch Selbstwerber haben die Gemeinde Ratekau sowie drei Nachbarkommunen zum Anlass genommen, das von der EU geförderte „Habitatbaumprojekt" zu starten, das landesweite Bedeutung haben soll. Die Kartierung und Kennzeichnung aller Habitatbäume in öffentlichen und privaten Wäldern sowie im Offenland, die Lebensraum für geschützte Pflanzen- und Tierarten sind, soll deren Schutz gewährleisten und besondere Merkmale wie Höhlen, Spalten oder Pilze erfassen.

Finanzierung und Kooperationen

Ohne wirtschaftliches Denken, Arbeitseffizienz und Ressourcenbewusstsein fehlt schnell die materielle Basis für Klima- und Artenschutz. Auch das umfangreiche Einwerben von Fördermitteln funktioniert nur dann, wenn die meist notwendigen Eigenanteile bereitgestellt werden können. Ratekau besitzt den niedrigsten Personalschlüssel im Kreis und eine Pro-Kopf-Verschuldung von 200 Euro, verfügt jedoch immer über freie Finanzmittel, um auch kurzfristig anstehende Projekte umsetzten zu können. Für Natur- und Artenschutz steht in der Gemeinde nur ein kleines Budget zur Verfügung, so dass Erfolge meist nur mit Hilfe vielfältiger Kooperationen zu erreichen sind. Aber die Gemeinde Ratekau ist in der glücklichen Situation, vom Engagement lokaler Naturschutzvereine, aber auch sehr aktiver Einzelpersonen zu profitieren.

"Youkonpassage" für Natur- und Artenschutz: Vom Umweltschutzverein Sereetz sowie NABU, Kreis und Gemeinde erworbenes ehemaliges Abbaugebiet von 20 Hektar

Wichtige Kooperationspartner der Gemeinde Ratekau:

Untere Naturschutzbehörde (UNB), Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR), Wasser- und Bodenverband (WBV)

Sehr enge Zusammenarbeit durch lokale Aktionen oder Projekte (zum Beispiel FFH-Management-Pläne, AktivRegion)

Lokale Naturschutzvereine:
Umweltschutzverein Sereetz, NABU, BUND und Umweltinitiative Ratekau

 

Enge, fast tägliche Kontakte, Informationsaustausch und Projektentwicklung (die in der Bevölkerung verankerten Umweltinitiativen und Vereine und deren Mitglieder haben ein großes Wissen über vorkommende Arten und Abläufe in der Natur, gepaart mit großer Ortskenntnis und anderem Spezialwissen, auf das eine Verwaltung nicht verzichten kann, wenn sie ambitionierte Naturschutzziele erreichen will)

Lokale Landnutzer:
Landwirte, Jäger, Fischer, Förster

Enge Kontakte (zum Beispiel Vortragsabende zu Themen im Spannungsfeld Naturschutz, Jagd und Landwirtschaft)


Für nahezu alle Projekte müssen Fördermittel beantragt werden, deren Bewilligung allerdings voraussetzt, dass die Gemeinde einen eigenen Anteil aufbringt. Hier ist zum Beispiel das große Engagement des Umweltschutzvereins Sereetz hervorzuheben, der mit starker Förderung durch die Bingo!-Umweltlotterie große Naturschutzprojekte umzusetzen hilft und die Gemeinde zu immer neuen Projekten antreibt.

Windpark Grammersdorf vor Repowering, mit Hybriddienstwagen der Gemeinde Ratekau

Fazit

Auch wenn Maßnahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt bisweilen entgegenstehen: Langfristig will und kann die Gemeinde Ratekau das Ziel der CO2-Neutralität erreichen. Mittelfristig, bis 2030, strebt sie im Rahmen des Klimaschutzkonzepts CO2-Emissionen von weniger als zwei Tonnen pro Kopf und Jahr an. Durch Ausbau der Windkraftreserve und durch Biomassenutzung sowie durch effizienteren Energieverbrauch in den Haushalten soll der CO2-Ausstoß langfristig sogar gegen Null gehen. Die Gemeinde Ratekau ist stolz darauf, dass man schon seit über 20 Jahren Natur- und Klimaschutz ernst nimmt. Dieses langjährige Engagement führte im Rahmen von bundesweiten Wettbewerben unter anderem zu den Titeln „Klimaschutzkommune 2009" und „Biodiversitätskommune 2011".


Beitrag von JÜRGEN LEICHER
Leiter der Umweltabteilung der Gemeinde Ratekau

Seit 1978 ehrenamtlich im Naturschutz aktiv (Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer und BUND). Zwölf Jahre nebenberuflich in der Land-wirtschaft tätig. 1985 bis 1987 hauptamtlicher Geschäftsführer beim BUND Flensburg. Seit 1987 Aufbau und Leitung der Umweltabteilung der Gemeinde Ratekau (Schleswig-Holstein). Studium der Agrarwissenschaften und des Schwedischen in Kiel, Dipl.-Ing. agr. 

Quelle:
Leicher, Jürgen: Naturschutz und Klimaschutz auf Rezept in der Gemeinde Ratekau. In: Klimaschutz & Biodiversität, Praxisbeispiele für Kommunen zum Schutz von Klima und Biodiversität, 2003, S. 70-79.

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